Bayerischer Landesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.


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Aufruf an Pflegekräfte:

"Werden Sie nicht Teil des Ausnahmezustands!"

... so der Appell unseres Vorstands Martina Heland-Gräf an die psychiatrischen Pflegekräfte. Sie sprach vor ihnen aus der Sicht einer Betroffenen, die selbst als Krankenschwester arbeitete. Ein Vortrag auf der diesjährigen Fachtagung für Pflege in der Allgemeinpsychiatrie in Kloster Irsee (23.01.2017).

Sehr geehrte Damen und Herren,

eigentlich sollte hier heute jemand anders stehen und Ihre Veranstaltung eröffnen. Da meine Vorstandskollegin Frau Blank erkrankte, sprang ich für sie ein, damit sie sich vollends erholen kann und da sind wir schon mittendrin. Den Alltag bewältigen und sich vollends erholen, Missempfindungen in Schach halten, zur Arbeit gehen und normal sein.

Bei einer stationären Einweisung, egal wie, ist nichts mehr normal, nicht die Person, geschweige denn der vorübergehende Wohnort, die Selbstbestimmtheit des Tagesablaufs, alles wird zum Ausnahmezustand.

Werden Sie nicht Teil des Ausnahmezustands! Sie sind diejenigen, die alles maßgeblich mitgestalten.

Manche mögen jetzt denken, ja, wir können ja auch nur das tun, was von oben genehmigt wird. Da sind wir bei der Hierarchie in einem BKH. Da sind Sie an unterster Stelle, reduziert auf das ausführende Organ, was sollen Sie da schon tun oder ändern.

Ein Professor sagte während der Ausbildung mal zu uns: "Ihr seid zwar die größte Fraktion im Haus aber auch die, die am wenigsten zusammenhält, weil sie sich nicht einig ist und nicht an einem Strang zieht." Da hat er Recht oder finden Sie nicht?

Bei uns im BayPE steht auf der Fahne unter anderem: "Gemeinsam sind wir stark". Gemeinsam können Sie viel ändern! Erfinden sie das Rad nicht neu, wozu? Hören sie auf Ihr Gefühl. Was braucht man, wenn man Angst hat? Sicherheit und jemand, der für einen da ist.

Den Ausnahmezustand in die Normalität begleiten

Ihre Pflicht ist es nicht, Krankheitseinsicht zu vermitteln, sondern den Ausnahmezustand in die Normalität zu begleiten und zwar in die jeweils eigene. Sie stehen in der Hierarchie nicht an letzter Stelle. Das sind die Betroffenen. Wenn sie das Macht- oder Ohnmachtsgefühl weitergeben und denken wir müssen machen, was sie wollen, weil sie schließlich für Ordnung und Sicherheit verantwortlich sind dann haben wir verloren.

In dieser Einladung [zur Tagung] habe ich viele Fremdwörter gelesen und man mag Pflege auch studieren, aber Menschen lassen sich nicht in ein Korsett zwängen und da haben wir das Wort Zwang, der dann entsteht, wenn man Macht ausübt.

Es gibt ein Sprichwort, das uns unser Professor auch während der Ausbildung immer wieder mal auflegte: "Das was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu". Ich gebe zu, wissenschaftliche Hintergründe wird es dazu nicht geben, aber mit ihrer Erfahrung und ihrer Menschlichkeit, Mitgefühl und Respekt vor der Person, die ihnen anvertraut ist, werden sie bestimmt ohne Zwang weiterkommen und vielleicht ein bisschen Vertrauen schaffen.

Nicht noch mehr Traumata

Der Weg zurück in die Normalität wird sehr erleichtert, wenn nicht noch mehr Traumata hinzukommen. Achtsamkeit gegenüber Kollegen und Betroffenen wäre eine sehr unwissenschaftliche Methode, aber ich denke, eine sehr effektive. Verlassen Sie sich auf ihren gesunden Menschenverstand, auf ihre Erfahrung. Hören Sie auch bei Kollegen auf deren Gefühl.

Ich war oft in Situationen auf einer Station, die von mir und meinen Kollegen nur ohne Zwang und Gewalt gelöst wurde, weil wir uns auf unkonventionelle, nicht wissenschaftliche, sondern menschliche Lösungen geeinigt haben, eben nicht die, die von oben kamen. Der Satz: "Wie im ganz normalen Leben auch geht es dabei um die Förderung des Individuums und seiner Kompetenzen ..." Schrecklich, finden Sie nicht? Ich bin ein Mensch mit Bedürfnissen, ja ich habe auch Kompetenzen, ich habe bestehende Beziehungen und eine Identität, die vielleicht gerade ver-rückt ist.

Sie alle kennen die meisten menschlichen Bedürfnisse. Wollen wir sie gemeinsam aufzählen:

  • Sicherheit
  • Geborgenheit
  • Essen und Trinken
  • Kleidung
  • Anerkennung
  • Menschen, die mit mir reden
  • Haus (trockener Unterschlupf)
  • Beschäftigung bzw. Arbeit
  • Schlafen

Sprechen sie nicht von einem Individuum, wegen mir von einem Homo sapiens, wenn es schon fremd klingen soll.

Ich wünsche Ihnen die Kraft, Konzepte, die bereits bestehen oder in den nächsten Tagen neu entstehen, Ideen die sie haben ?

  • menschlich
  • achtsam
  • respektvoll
  • gemeinsam
  • gewaltfrei

... zu erarbeiten

Sie haben alle Voraussetzungen, eine gute pflegerische Arbeit zu tun und Sie können das alle, seien Sie stolz auf ihre Arbeit, wir brauchen sie als Menschen, die uns nicht als Individuum, sondern als aus der Norm katapultierte Menschen sehen, die Angst haben und Sicherheit brauchen und Menschen, die sie verstehen und für sie da sind.

Rede als PDF-Dokument

03. April 2017