Bayerischer Landesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.


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RAUM UND RÜCKZUG

Ein wichtiger Aspekt von Barrierefreiheit für Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung

Was Barrierefreiheit für uns Psychiatrie-Erfahrene bedeutet, ist noch nicht ausreichend festgelegt. Auf einen wichtigen Aspekt will dieser Artikel hinweisen: Wir brauchen genügend Raum und Rückzug.

Viele von uns haben eine erhöhte Sensibilität. Das heißt zum Beispiel, dass viele von uns stark auf die Stimmungen anderer reagieren. Was für Nicht-Betrofene ein geselliger Abend ist, kann für uns der Horror sein: das Durcheinander im Stimmenwirrwarr im Kampf um Aufmerksamkeit strengt an und bringt unsere Kopf durcheinander. Zu grobe oder laute Worte klingen noch lange in uns nach und belasten uns.

Begegnungen – zum Beispiel im berufichen Alltag, in der WG, beim Einkaufen, mit den Nachbarn – gehen uns noch lange im Kopf rum, wenn auch nur kleine Unstimmigkeiten zu spüren waren. So etwas lässt sich nicht einfach beiseitelegen. Dann brauchen wir Zeit für uns. Wir brauchen Rückzug. Die eigenen vier Wände, wo uns niemand stört.

Manche von uns spüren die Anspannung eines vorübergehenden Menschen körperlich – als unangenehme Energie in uns. Manchmal ist es schwierig zuzuordnen: Ist das mein Gefühl oder ist das seines?

Manche von uns schaffen sich ein Refugium. Der Rückzug in ein Hotelzimmer für ein paar Tage kann eine Krise entschärfen und einen Krankenhausaufenthalt verhindern. Aber wer von uns kann sich das leisten? Wir brauchen mehr Rückzugsräume, die „niedrigschwellig“ verfügbar sind, das heißt: Alle, die sie brauchen, dürfen sie unkompliziert nutzen.

Wichtig ist, dass Raum und Rückzug als Notwendigkeit im Sinne der Barrierefreiheit anerkannt werden!

Gerade deshalb sind überbelegte Kliniken mit wenig Raum und ohne Einzelzimmer ein Graus und alles andere als barrierefrei. Gerade dort, wo es am wichtigsten wäre! So werden wir uns gegenseitig zur Belastung, einfach weil wir zu dicht aufeinander „hocken“. Da gilt leider: Wer noch nicht verrückt ist, wird es ganz sicher bei einem solchen Platzmangel unter widrigen Umständen. Leider bekommen wir genau in der Situation, in der wir am meisten Schutz bräuchten, zusätzliche Belastung. Ob ein Klinikaufenthalt unter diesen Umständen mehr hilft oder schadet, sei dahingestellt.

Eine großzügige Gestaltung klinischer Räumlichkeiten ist ganz wichtig, für den sozialen Frieden in der Einrichtung. Es ist bekannt, dass architektonische Verbesserungen Zwangsmaßnahmen reduzieren. Daher plädiere ich dafür, einen erhöhten Bedarf an Freiraum im persönlichen Nahbereich und an Rückzugsmöglichkeiten als Aspekt der Barrierefreiheit für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen zu diskutieren.

Lasst uns einstehen für den Raum, den wir brauchen! Dies hat Konsequenzen für Wohnen, für Kliniken, für Städtebau. Auch Zugang zu Freianlagen und Parks ist wichtig. Wie so oft im Bereich „Barrierefreiheit für Psychiatrie-Erfahrene“ geht es um allgemein menschliche Bedürfnisse, die für uns eine besondere Bedeutung haben, aber für alle wichtig sind. Mehr Rücksicht auf uns führt zu mehr Menschlichkeit für alle.

Anmerkung: Ich schreibe in diesem Artikel häufig „wir“. Ich weiß, dass „wir“ Betroffene alle sehr unterschiedlich sind und ich will nichts verallgemeinern. Trotzdem weiß ich aus Gesprächen mit vielen Betroffenen, dass viele, wie ich, eine hohe Sensibilität haben, die ich hier beschreibe.
(ein BayPE-Mitglied)

05. Mai 2019