Bayerischer Landesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.


  Startseite

 Info
 
 News
 
 
 Flyer
 
 
 Rundbrief
 
 
 Presse
 
 
 Links
 
 
 Top 10
 

 Selbsthilfe
 
 Bayern
 
 
 Deutschland
 

 Über uns
 
 Unsere Ziele
 
 
 Satzung
 
 
 Archiv
 

 Themen
 
 Offener Dialog
 
 
 Soteria
 
 
 Pharmaindustrie
 
 
 Psychische Gesundheit
 
 
 Ausnahmezustände
 
 
 Kliniken in Bayern
 

 Kontakt
 
 Vorstand
 
 
 Mitgliedschaft
 
 
 Impressum
 


Datenschutz





Vortrag unseres Mitglieds:

„GEWALTFREI, MENSCHLICH, SELBSTBESTIMMT“

Wie sollte professionelle Behandlung aussehen?

Ganz einfach, findet Martina Heland-Graef, professionell psychiatrische Tätige sollten erst mal zuhören.

Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway hat einmal gesagt: »Ich habe mir angewöhnt, jeden Menschen anzuhören und selbst, wenn er verrückt ist, ernst zu nehmen. Vor der Größe Gottes ist der Unterschied zwischen einem Genie und einem Blödsinnigen nicht allzu groß.« Das hat er irgendwann zwischen 1899 und 1961 gesagt, das ist also nicht neu. Es hat nur nie wirklich einer zugehört.

Das SGB, das BTHG und die PsychKHGs – egal wie sie alle heißen – sind Flickschusterei, weil hier die unterschiedlichsten Professionen von unterschiedlichen Standpunkten aus arbeiten, ohne die Menschen anzuhören und ernst zu nehmen, die es betrifft. Ich glaube, jeder hat dabei das Beste im Sinn, will Menschen helfen. Jeder Profi will sich in der Arbeit wiedersehen, die er sich gemacht hat. Eine wesentliche Kleinigkeit wurde dabei übersehen: den Verrückten anzuhören und ernst zu nehmen.

Bedürfnisse abfragen

Wie soll professionelle Behandlung aussehen? Gewaltfrei, menschlich, selbstbestimmt. Mit mir und nicht ohne mich, meine Bedürfnisse respektierend, personenorientiert. Das sind sechs Punkte und für mich sind es die wichtigsten. Für mich ist professionelle Behandlung keine Leichtigkeit, sondern richtig schwer, weil man zuhören muss, um zu erfahren, was in meiner Welt gebraucht wird, um in der großen Welt zurecht zu kommen, ohne jemanden, der mir sagt was ich tun soll, sondern mir hilft, mein Ziel zu erreichen. Ich weiß, dass Dokumentation im täglichen Ablauf ein großes Thema ist und Zeit bindet, aber wenn Dokumentation, könnte dann nicht auch Zwang und Gewalt dokumentiert werden?

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich in professionellen Dingen gut auskennen. Nur kennt sich jeder mit einer, höchstens zwei Dingen gut aus. Meine Bedürfnisse gehen aber weit darüber hinaus. Für mich ist professionelle Behandlung, wenn alle Professionen mit mir zusammenarbeiten, um zum bestmöglichen Ergebnis für mich zu kommen. Wenn Hilfekonferenzen bei mir zu Hause stattfinden. Wenn bei mir zu Hause Möglichkeiten der Unterstützung erarbeitet werden, mit mir. Unabhängig von Wohlfahrtsverbänden, es könnte ja mal auch ein Stammtisch sein.

Bis jetzt hat allen professionellen Behandlungen das Wichtigste gefehlt. Da hat alles Forschen nichts geholfen. Das Wichtigste ist: zuhören, begreifen und im besten Fall verstehen und auch umsetzen mit den Betroffenen. Das hat man uns als Auszubildende in der Krankenpfege schon vor 40 Jahren gelehrt. »Fragen Sie die Bedürfnisse ab.« Aber keiner hat es gemacht. Nur ein Beispiel, das nichts mit der Psychiatrie zu tun hat: Ich war mit meinem Sohn stationär im Krankenhaus zusammen in einem Zimmer. Eine Schwester kam und hat eine ganze Liste abgefragt über die Gewohnheiten des Kindes. (Über meine wollte sie nichts wissen. Aber immerhin.) Wie lange er schläft, was er gerne isst, usw. Ich war erstaunt darüber und freute mich. Ich sagte, dass er morgens ungefähr bis 7:30 Uhr schläft. Am nächsten Morgen stand die erste Schwester um 5:30 Uhr an seinem Bett und machte ihn wach, weil sie seine Vitalzeichen kontrollieren wollte.

Er schlief Gott sei Dank wieder ein. Um 6:15 Uhr kam die nächste und wollte ihn waschen. Die habe ich dann rausgeschmissen und was meinen sie warum? Weil es noch nicht 7:00 Uhr war und es keine Veranlassung gab, ihn schon wieder aufzuwecken. Warum, frage ich sie, mache ich mir die Mühe abzufragen, welches die Bedürfnisse sind und tue dann genau das Gegenteil? Ich kann noch so viel forschen und Milliarden an Geldern ausgeben, werde am Ende aber feststellen, dass Dinge des täglichen Lebens nur mithilfe einer gewissen Zusammenarbeit funktionieren.

Ich sage: Zahlen Sie denjenigen, die die Arbeit machen ein ordentliches Gehalt und schicken sie diejenigen, die nur auf Macht aus sind, in die Botanik um Steine auszumessen, die sie dann auf einen Haufen schmeißen können. Nehmen Sie die Gelder für die Forschung lieber um Menschen zu erklären, dass sie Menschen nur helfen, wenn Sie sie einbeziehen, dass Teilhabe auch Teilhabe meint, so individualisiert sie auch sei. Sorgen Sie dafür, dass wir nicht als gefährlich wahrgenommen werden.

Ich möchte sagen, wie Behandlung sich anfühlen soll: zugehörig – nicht angewiesen – aber gemeinsam. Die Bedürfnisse der Betroffenen werden sich natürlich nicht nur auf diese drei Wünsche reduzieren lassen. Ich glaube, je mehr professionalisiert und theoretisiert wird, umso weiter entfernen sich alle Professionen vom Menschen. Seien oder werden Sie Mensch, wenn Sie mit Menschen arbeiten. Den Professor oder Doktor kann man nicht greifen. Treten Sie uns als Menschen gegenüber, dann wissen wir, dass Sie keine Überfieger sind. Gehen Sie den Weg mit uns gemeinsam auch wenn es für Sie seltsam sein mag. Vertrauen Sie Ihrem Bauch oder Instinkt oder wie immer Sie es bezeichnen wollen.

Ohne Zwang und Gewalt

Stellen Sie sich uns als Mensch vor so wie sie jemanden Fremden von Ihren Freunden vorgestellt werden. Ohne Statussymbol. Und geben sie uns eine Chance ohne Zwang und Gewalt einen gemeinsamen Weg zu gehen. Das wäre unser aller größter Wunsch, arbeiten sie mit, dass es nicht nur ein Wunsch bleibt. Ich ende mit einem weiteren Zitat: »Wenn auch der Redende verrückt ist, so sind doch die Zuhörer bei Sinnen.« Es stammt aus dem Arabischen, von einem unbekannten Autoren. Es könnte aber auch von mir sein.

Der Text basiert auf einem Vortrag, den Martina Heland-Graef auf der Jahrestagung des Dachverbands Gemeindepsychiatrie am 20. Juni 2018 in Dresden gehalten hat. Erschienen in: Psychosoziale Umschau 4/2018, S. 48.

(ein Artikel aus unserem neuen Rundbrief)

22. April 2019